Europa, gleich um die Ecke II: Zu Besuch beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk

„Ich mach‘ mich dann auf zum DPJW!“ – „Zum DPJWas?“ – „Zum Deutsch-Polnischen Jugendwerk!“ Schon seit 23 Jahren fördert das DPJW deutsch-polnische Austauschprojekte und noch immer ist die Buchstabenkombination vielen Menschen, die nicht im deutsch-polnischen Kontext arbeiten, kein Begriff. Zeit, dass sich das ändert. Im Rahmen unserer Reportage-Reihe „Europa, gleich um die Ecke“ haben wir das Büro des DPJW in Potsdam besucht.

www.dpjw.orgDabei handelt es sich wohlgemerkt nicht um den Hauptsitz. Das DPJW hat zwei Geschäftsstellen. Neben der Einrichtung in Potsdam existiert das Büro in der polnischen Hauptstadt Warschau. Beide Büros arbeiten eng zusammen, beide Büros sprechen Polnisch und Deutsch. Anke Papenbrock sagt: „Uns gibt’s immer im Doppelpack.“

Und das schon seit 1993, als die beiden Büros in Warschau und Potsdam eingerichtet wurden, erklärt uns Frau Papenbrock, die in Potsdam für die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendwerks zuständig ist. Das DPJW hat also zwei Hauptsitze, wenn man so will, die sich die Arbeit nicht nach Ländergrenzen, sondern inhaltlich aufgeteilt haben: Das Büro in Warschau bearbeitet Förderanträge aus Polen und Deutschland, die den Schulaustausch betreffen. In Potsdam kümmert sich das Team um außerschulische Projekte. Die Zahl der Projekte hält sich ungefähr die Waage.

Anke Papenbrock ist gerade aus Warschau zurückgekommen, wo sie auf einer Buchmesse den Stand der DPJW betreut hat, denn neben der reinen Fördertätigkeit unterstützt das DPJW den deutsch-polnischen Austausch auch mit Materialien, Fortbildungen und eigenen Projekten. Wo fängt man da bloß an?

Auf ein Treffen mit Lech Wałęsa

Die Seminargruppe mit Lech Wałęsa (stehend, 6. v.r.; Foto: DMK)

Die Seminargruppe mit Lech Wałęsa (stehend, 6. v.r.; Foto: DMK)

„Erst heute ist in Danzig eines unserer Methoden-Seminare zu Ende gegangen,“ setzt Frau Papenbrock an, „es ging um Zeitzeugenarbeit und die Teilnehmenden trafen unter anderem mit Lech Wałęsa zusammen.“ Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Präsident Polens ging als Streikführer und Gesicht der Solidarność in die Geschichtsbücher ein. Die deutsch-polnische Geschichte umfasst eben sehr viel mehr als die in Deutschland verbreitete Konzentration auf die vielen Facetten des 2. Weltkriegs gemeinhin vermuten lässt.

Die Zahl der vom DPJW jährlich angebotenen Fortbildungen, Vernetzungstreffen und Seminare liegt bei etwa 30. Darunter sind sowohl Veranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer sowie für Aktive in der außerschulischen Bildungsarbeit. Die inhaltliche Bandbreite erstreckt sich von Methoden der historisch-politischen Bildung über Bildung für nachhaltige Entwicklung und Angebote zur Sprachanimation. Über aktuelle Ausschreibungen informiert das DPJW auf seiner Website www.dpjw.org (bzw. www.pnwm.org – wir erinnern uns, alles im Doppelpack!). Die Zahl der geförderten deutsch-polnischen Projekte liegt freilich deutlich höher. Auch diese werden, sofern öffentlich ausgeschrieben, auf der Website angekündigt.

Über 3000 Projekte förderte das DPJW im Jahr 2012 durch, an denen 111.000 Personen aus Polen, Deutschland und zu einem kleineren Teil auch aus Drittländern teilnahmen. Denn auch Projekte mit Partnerinstitutionen, die nicht aus Polen oder Deutschland kommen, sind förderfähig, sofern sie die Förderkriterien des DPJW erfüllen.

Netzwerke bilden, Projekte gemeinsam meistern

Screenshot der Partnerbörse auf dpjw.org

Screenshot der Partnerbörse auf dpjw.org

Förderanträge können grundsätzlich nur gemeinsam mit einer polnischen Partnereinrichtung gestellt werden. Und was macht man, wenn man keinen Partner hat? „Diejenigen können in der Projektpartnerbörse inserieren oder auf die eingestellten Suchgebote reagieren,“ erklärt Frau Papenbrock. Auch die Vernetzungstage, die das DPJW regelmäßig anbietet, eignen sich hervorragend, um erste Kontakte zu möglichen Partnereinrichtungen zu knüpfen. „Erst kürzlich kamen in Konstancin bei Warschau 13 Absprachen zustande.“

Es sollte aber erwähnt werden, dass es sich bei den förderfähigen Projekten fast ausschließlich um „echte“ Austauschprojekte handelt. Häufig gäbe es Anfragen, ob Publikationen förderfähig seien, jedoch gibt es dafür andere Geldgeber. Das DPJW fördert das unmittelbare Zusammenkommen von Kindern und Jugendlichen sowie den Lehrkräften und Multiplikator_innen, die Kinder und Jugendliche dazu befähigen.

Sonderregeln für den „grenznahen Raum“

Interessant ist, dass Interessierte aus Berlin und Brandenburg sich auf ein paar Sonderregeln berufen können, weil die Region als „grenznaher Raum“ gilt. Normalerweise müssen Projekte 4 bis 28 Tage dauern, um förderfähig zu sein. Im grenznahen Raum sind jedoch auch Projekte mit kürzerer Dauer förderfähig, etwa Ein-Tages-Treffen. Das gleiche gilt für die Altersgrenze, die normalerweise bei 12 bis 26 Jahren liegt. In der Grenzregion können auch Projekte mit kleineren Kindern gefördert werden.

Was aber nun, wenn potentielle Wunschpartner längst gefunden und auch die Fragen bei der Antragsstellung ausgeräumt sind, nur das Fachpersonal fehlt? Auch da hat das DPJW eine Idee. Frau Papenbrock erklärt uns die Trainerbörse: Nicht nur, dass die vom DPJW zertifizierten Trainerinnen und Trainer bei der Erstellung von Konzepten zur Seite stehen, sie begleiten auf Wunsch auch ganze Jugendbegegnungen.

Ralf Kehr - "Versuch's auf Polnisch" (Grafik: DPJW)

Ralf Kehr – „Versuch’s auf Polnisch“ (Grafik: DPJW)

Weitere praktische Unterstützung liefern die Publikationen, die das DPJW kostenlos oder gegen einen sehr geringen Unkostenbeitrag in beiden Sprachen zur Verfügung stellt. Viele Hintergrundinfos zum Schüleraustausch finden sich gleich gebündelt auf dem Portal www.deutsch-polnischer-schueleraustausch.de. Die Sprachführer für Kinder und Jugendliche zeigen, dass die letzten Laute in Solidarność gar nicht so schwierig sind. Das Wort endet auf –noschtsch.

Die Aussprache kann, wer mag, im nächsten Jahr perfektionieren, denn die jährliche stattfindende Aktion „dzień.de|der-tag.pl“ steht 2014, 25 Jahre nach der friedlichen Wende, unter dem Motto „Dzień wolności“ – gesprochen: wolnoschtschi. Übersetzt heißt das „Tag der Freiheit“ – da ist sie wieder, die gemeinsame Zeitgeschichte. In dem Jahr fiel nämlich nicht nur die Berliner Mauer. Monate zuvor erzwangen die polnischen Gewerkschaften halbfreie Parlamentswahlen, an deren Ende ein demokratischer Regierungschef stand. Wem das neu ist, sollte die Gelegenheit nutzen, diese Episode deutsch-polnischer Geschichte im nächsten Jahr selbst aufzuarbeiten.

Kontakt:
Deutsch-Polnisches Jugendwerk
Friedhofsgasse 2 | 14473 Potsdam
Tel: +49 (0) 331 – 28 47 90 | Fax: +49 (0) 331 – 29 75 27
E-Mail: buero@dpjw.org
Polsko-Niemiecka Współpraca Młodzieży
ul. Alzacka 18 | 03-972 Warszawa
Tel.: +48 22 518 89 10 | Fax: +48 22 617 04 48
E-Mail: biuro@pnwm.org
Web: www.dpjw.org | www.dzien.dpjw.org |www.deutsch-polnischer-schueleraustausch.de | www.facebook.com/DPJWPNWM | www.twitter.com/dpjw_pnwm
 

Text: Frank Segert / euroBBa.de / CC-BY-SA
Grafiken / Fotos mit freundlicher Genehmigung wie angegeben